Teufelskreis Alkoholsucht: Kamerad und Nemesis

Hallo. Wir kennen uns. Schon länger begleite ich Dich. Du hast mich zwar nicht von Anfang an bemerkt, doch war ich stets in Deiner Nähe.  Schon in Deiner Kindheit war ich ein enger Vertrauter Deiner Familie und deren Freundeskreises. Auf Geburtstagen, Hochzeiten, an Weihnachten und Sylvester war ich ein gern gesehener Gast.

Je länger ich bei Euch verweilte, desto fröhlicher wurde es. Manchmal jedoch, wenn ich ein wenig zu sehr in Eure Mitte rückte, gab es Streit, böse Wörter und wenn es dieser eine Onkel (den wir alle haben, wenn wir mal ehrlich sind) mal mit meiner Gesellschaft zu doll trieb, flogen auch schon die Fäuste.

Abgesehen davon war ich aber immer der Kamerad eines jeden Einzelnen. Auf mich konntest Du Dich verlaßen, Du konntest mich fast immer und überall erreichen. Du mußtest dazu nie weit gehen, Du fandest mich an jeder Ecke. Und ich hatte auch immer Zeit für Dich.

Weißt Du noch, dieses wunderschöne Mädel in der alten Kneipe von damals? Mensch, was warst Du verliebt. Hast kaum ein Wort herausbekommen. Du brauchtest mich, ich sollte Dir Mut zusprechen, was ich auch tat, Freund der ich war. Doch ließ ich Dich nicht zu schnell gehen, denn ich wußte ganz genau daß Du noch nicht bereit warst. Am Ende kam es wie es kommen mußte, und das süße Mädchen ging mit einem Anderen fort, der meine Nähe kaum zu schätzen wußte. Und mich auch gar nicht brauchte, denn er wußte, es gibt auch falsche Freunde.

Die ewige Stimme

Oder, als Dich Dein Chef mal wieder schief angemacht hat, weil Du zu spät eingestempelt und Deine Leistung nicht gebracht hast. Naja, wir hatten aber den  Abend vorher auch einiges zu besprechen gehabt, war witzig nicht wahr? Das muß er doch mal verstehen, …

Im Laufe der Zeit trafen wir uns noch einige Male wieder. Die Höhen und Tiefen Deines Lebens konntest Du in jeder Hinsicht mir und meiner Gesellschaft verdanken. Die Hochzeit Deines besten Freundes, der bestandene Führerschein, aber auch die Trennung von Deiner ersten großen Liebe, der Tod der Mutter, all dies konntest und wolltest Du nicht ohne mich bewältigen.

Ich war stets schnell zur Hand, denn Deinen besten Freund anzurufen hatte längst keinen Zweck mehr, er ging ja schon garnicht mehr ans Telefon. Er wußte, ich würde Dir eh ständig ins Wort fallen, er hat Dich am Ende ja garnicht mehr verstanden, so undeutlich hast Du gesprochen. Deine Ex-Freundin wußte auch schon längst, daß Du nie alleine ohne mich warst und hat sich nur noch vor Dir geekelt.

Dennoch wurde ich Dein ständiger Begleiter, Dein Wortführer, Dein Mutmacher, Dein Aspirin, wenn Dich die Sorgen wiedermal fürchterlich quälten, Dein Frühstück, Dein Mittagessen, Dein Abendbrot. Was Anderes konntest und wolltest Du nicht mehr an Dich heranlassen, Du bist ja eh kaum noch vor die Tür zum Einkaufen gegangen. Deine Post hast Du auch nicht mehr geöffnet, wir wurden uns einig daß das nicht so wichtig ist. Waren ja eh nur Rechnungen, Dein Geld hast Du lieber mir anvertraut. Ich habe Dich schließlich auch nie enttäuscht, stimmt‘s?

Irgendwann in Deinem Leben kam dann der Zeitpunkt, an dem Du mich ebenso liebtest wie verachtest. 

Wenn wir uns dann – wie an jedem Morgen – in die Augen sahen, wolltest Du mich verfluchen und umarmen, denn ich wurde zu Deiner Selbst. Für mich hast Du Deine Freunde, Deine Familie und Deine Arbeit im Stich gelassen, denn nur mit mir warst Du in der Lage, zu leben. Ich hielt Deine zitternden Hände fest, bis Du Dich wieder sicher bewegen konntest, ich brachte Dir jeden Tag aufs Neue das Sprechen und sogar das Lachen bei. Je besser ich es meinte, desto schlechter wurde es.

Aus Deinem Kameraden wurde Deine Nemesis.

Ich bin der Alkohol.

Über Andreas H. 3 Artikel
Nationaler Aktivist und Medienmacher.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*